Wo steht das Internet in zehn Jahren? – Gastbeitrag von Stowe Boyd
Stowe Boyd, Internet-Vordenker und Web 2.0-Spezialist aus den USA beantwortet diese Frage. Sein Ausblick auf die kommende Dekade ist hier in unserem Blog exklusiv auf Deutsch zu lesen.
Gastbeitrag von Stowe Boyd
Die Soziale Revolution: zehn Jahre danach zehn Jahre vorausblicken
Eine neue Kategorie von Software entwickelt sich. Eine Software die dafür gemacht ist, soziale Systeme zu bereichern. Ich nenne sie “Soziale Tools”: Software, mit der Absicht Kultur zu formen. “Wir machen uns Werkzeuge und für alle Zeiten formen sie uns.” Marshall McLuhan
Der Fall des Zentrums
Ein reiches Netzwerk definiert sich über seine Verbindungen, es hat kein Zentrum. Ein solches Netzwerk ist jedoch nicht demokratisch, denn hier zählt nicht jede Stimme gleichviel. Immerhin kann im Netz jeder seine Meinung vertreten und öffentlich machen.
Die wichtigsten Dinge, die das Internet in den letzten Jahren hervorgebracht hat, waren nicht gewinnorientiert. Beispiele sind Amazon-Rezensionen und -Empfehlungen, Open Source Software, Foren und Blogs.
Echtzeit Streams, Aufmerksamkeit und der Strom
Das Netz hat sich vom versteckten zum öffentlichen Netz entwickelt. Es fing an mit der E-Mail. Ihr Tempo: asynchron (“Ich habe Dir eine E-Mail geschickt”), der Zugang für Dritte nicht sichtbar, der Kontext das private E-Mail-Postfach. Dann kam der Chat mit verändertem Tempo: Im Chat wird synchron kommuniziert. Der Zugang: für Unbeteiligte nicht sichtbar, der Kontext ein Chat-Room.
Jetzt aktuell ist der Stream: Das Tempo ist synchron, der Zugang öffentlich für alle sichtbar, der Kontext der Stream, in dem er vernetzt ist. Kurz gesagt: Das soziale Netz hat sich vom Versteckten zum offen Teilenden entwickelt.
Die aktuell heißeste Plattform für diesen Stream ist http://www.tumblr.com. Tumblr ist ein Blog-Format, das wie eine Mischung aus Twitter, Blog und Kommentaren funktioniert. Ein Weiterreichen eigener oder interessanter Beiträge ist möglich, Dritte können in der Timeline anderer Beiträge platzieren, Schnipsel tauschen, Kommentare abgeben, sich Fragen stellen lassen – oder einfach nur den “I like this!”-Daumen nach oben anklicken. Tumblr. ist reicher als Bloggen und Tumblr. wird das Bloggen verändern.
Einige Paradoxien der Zukunft:
Das Individuum ist die neue Gruppe
In öffentlichen sozialen Netzen hat das Individuum die Gruppe als kleinsten Teil und damit als Basis ersetzt. In diesen Zusammenhängen entspringen die Rechte und Verpflichtungen Einzelner nicht mehr einer Mitgliedschaft, sondern sie gelten unmittelbar.
Individuen werden natürlich in sozialen Netzen immer sofort damit beginnen Beziehungen zu knüpfen – basierend auf dem was das jeweilige soziale Netz erlaubt. Darum benenne ich diese sozialen Tools seit über zehn Jahren als “Tools, die Kultur formen”. Denn erst durch andere werden wir menschlich.
Klein ist das neue Groß
Die herausragendste Eigenschaft von Realtime/Echtzeit Unterhaltungen ist, dass sie brandneu sind. Die Neuen wurden gerade erst vor einem Moment getippt. Die neuesten Tweets sind erst Sekunden alt. Das Interessanteste an Realtime ist aber nicht die Flüchtigkeit der aktuell wichtigen Themen. Nein. Das wichtigste ist das, was gerade diskutiert wird. Am Anfang jedes Trends -die für einige Unternehmen entscheidend sind – steht ein solcher einzelner Tweet: Ein kleines Flüstern und eine überschaubare Zahl von Followern, die ihn lesen und dann weiterreichen. Es folgt der Moment, an dem das Bläschen zur Blase wird, an die Oberfläche des Teiches steigt und dort beginnt Wellen zu schlagen.
Wir – und zahllose Journalisten weltweit – versuchen nach Kräften, die ersten geflüsterten Nachrichten zu lesen. Wir suchen nach genau den Dingen, die zukünftig von Interesse sind und Wellen schlagen. Klein ist das neue Groß.
Sinn ist die neue Suche
Überflusswirtschaft bedeutet, dass wir zukünftig nicht mehr auf Suche angewiesen sind. Suche basiert auf Knappheit. Wenn aber alle wichtigen Informationen öffentlich zugänglich sind, und die nächste heiße Nachricht höchstens ein paar Sekunden entfernt, ist das Problem ein anderes. In dieser Welt ist das Problem nicht mehr, zu finden, was man sucht, sondern die Informationsflut einzugrenzen. Das ist für ein Unternehmen mit 1000 Angestellten genauso wahr, wie für das gesamte soziale Internet. Wir schalten zunehmend um auf einen sozialen Filter und fragen zunächst Menschen, die sich mit unserem Problem auskennen. Unser Netzwerk wird damit zu einer ,Antriebsmaschine für Sinn’ (,engines of meaning’), wie es Bruce Sterling gesagt hat.
Alles was wir finden wollen, muss gefunden werden. Und finden werden wir es durch unser soziales Netzwerk (genauso wie man Kopfgrippe findet und Glück). Letztendlich kann kein einzelnes menschliches Gehirn und auch kein Planet voller menschlicher Gehirne erfassen, was wir an dunklem, sich ausbreitendem Daten-Ozean ausspucken. Wir werden nicht mehr mit Suchmaschinen surfen – wir werden auf unseren ,Sinnmaschinen’ das Netz durchforsten.
Der Krieg gegen den Strom
Ich mochte die Studie von vor einigen Jahren, die den Effekt von Multitasking auf das Gehirn mit dem beim Rauchen von Dope verglich. Eine neue Studie zeigt, dass erfahrene Multitasker Dinge nicht schneller oder besser erledigen. [Anm. der Übersetzerin: Die Payback-Diskussion von Frank Schirrmacher spiegelt genau diesen "War on Flow" wider, von dem Boyd spricht]. Aber Moment mal! Vielleicht hat das was wir tun mit Effizienz überhaupt nichts zu tun? Ich arbeite nicht nach dem Prinzip, dass Dinge schnell erledigt werden müssen. Meine Motivationen sind komplexer und ausgedehnter. Was ich tue nehme ich nicht als Multitasking wahr. Stattdessen bin ich in einen Strom von Aktivitäten eingebunden, in denen andere eine große Rolle spielen – synchron durch direkte Diskussionen (via Twitter oder Instant Messenger) oder indirekt durch das was sie schreiben – und das was ich antworte.
Oftmals lasse ich Aktivitäten ein wenig in der Schwebe, weil ich noch nicht recht weiß, was mir dazu einfällt. Manche dieser Dinge könnte ich bestimmt auflösen, indem ich einfach alles andere liegenlasse und mich fokussiere – aber bei den meisten Dingen ist das nicht der Fall. Und mich zu einer einzelnen Problemlösung zu zwingen, führt auch nicht unbedingt zu einem akzeptablen oder gewinnbringenden Ergebnis. Es ist wie bei einem Maler, der mehrere Bilder gleichzeitig malt. Die primäre Motivation ist nicht ein Bild ,fertig’ zu bekommen, sondern Farbtupfer hinzuzufügen, von denen man in diesem Moment weiß, dass es die richtigen sind. Ich bin mit einer Community von Menschen verbunden, die mir schreiben und denen ich antworte. Ich lehne die Idee ab, dass Medien ein Strom seelenlosen Inhalts sind, den ich konsumiere. Ich lese im Ergebnis anders, als jemand, der nur die Überschriften scannt. Vielleicht bringt mich ein Artikel dazu etwas nachzuschlagen, was ich dann lese und das mich zu einer unausgereiften Idee kommen lässt. Die schwebt dann in meinem Hinterkopf für einen Tag herum, bevor sie mich zu irgendeiner messbaren Aktion bewegt. Studien beschäftigen sich mit der messbaren Ablenkung. Aber woher wissen wir überhaupt, was ,irrelevante Information’ in der echten Welt ist? Was, wenn externe Anregungen in bisher unbekannter Weise relevant sind? Wer also Menschen in der heutigen Zeit beurteilen will, benötigt vermutlich andere Maßstäbe. Meine Beziehung zum Essen lässt sich auch nicht anhand dessen beschreiben, wie oft ich kaue oder wie schnell ich mich für ein Gericht entscheide. Effizienz spielt eine sehr untergeordnete Rolle. Das beste Essen kochen nicht diejenigen, die am schnellsten Essen.
Der Medienstrom ist ein wenig wie Jonglage. Wir springen zwischen Worten hin und her die wir lesen. Wir schreiben, um darauf zu entgegnen und dabei entsteht ein wachsendes Verständnis für diejenigen, die an der Diskussion beteiligt sind. Ich bleibe dabei, dass Studien, die uns erzählen, wie ineffizient wir Multitasker arbeiten, am Thema vorbeidenken. Wir werden lernen müssen, wie wir den größeren Rahmen messen können – den ersten und zweiten Grad unseres Netzwerks – und von unseren Media-basierten Interaktionen lernen, wie wir uns gegenseitig beeinflussen und unterstützen. Kommt runter vom Kalorienzählen und steigt ein in die Geschmacksrichtungen.
Weiter mit den Paradoxien:
Zeit ist der neue Raum
Wir treffen uns nicht in Online-Räumen – auch wenn der Volksmund das gern so benennt. Wir teilen Zeit. Zeit ist zu einer gemeinsamen Ressource geworden. Unsere Zeit gehört im positiven Sinne zunehmend nicht mehr uns selbst, sobald wir uns in einem Stream von Verbindungen und Netzwerken bewegen. Individuelle Zeit wird damit weniger real und geteilte Zeit wird zunehmend zur Norm. Wir teilen sie mit jenen, die uns besonders wichtig sind und solchen, die das erwidern. Damit wird sich die grundsätzliche Struktur von Arbeit verändern. Zeit wird zunehmend weniger linear, weniger mechanisch – sie wird dafür subjektiver und plastisch. Einzelne werden persönliche Leistungsfähigkeit gegen Vernetzung eintauschen wenn Stimmen in ihrem Stream nach Hilfe, einem Hinweis oder einer Einführung fragen. Vernetzungen werden andere Pflichten übertrumpfen – besonders Pünktlichkeit.
Der Fluss ist das neue Zentrum
Der Echtzeitfluss sozialer Tools wie Twitter sowie die Unzahl vertikaler Applikationen, die ein offenes Nachfolgemodell bilden, wird der Blutstrom - das Herz – von Social Businesses werden. Im Fluss passiert alles Wichtige zuerst, hier wird sich jeder tummeln wollen. In der kommenden Ära des Internet wird der Fluss das dominierende Motiv aller wichtigen sozialen Tools sein. Er wird das Epizentrum einer sich wandelnden Welt sein.
Bindeglied für all diese Teile eines implodierten Netzes aus strukturierten Webseiten, da wo das Strandgut aus Links, Nachrichten, Schulterklopfen, Fragen und Alerts sich vermischt: Das werden wir sein. Wir werden die “Sinnmaschinen” sein, die Dinge herausfinden und anderen Weitergeben. Wir werden uns aussuchen wem wir folgen und wen wir hinter uns lassen. Wir werden Ideen weitergeben und Entscheidungen und Empfehlungen. Hier werden Geschäfte gemacht, Pläne geschmiedet und Deals abgeschlossen. Dies alles aufzubauen wird nicht leicht. Aber wir bewegen uns in eine neue, post-industrielle Welt: Es werden sich neue Möglichkeiten entwickeln müssen, damit Unternehmen sich entfalten können.
Vergleichbare Zwänge haben uns neue Infrastrukturen in der realen Welt bauen lassen. Diese notwendigen Veränderungen werden wir erreichen wie andere grundlegende Änderungen auch: Gleichberechtigtes Wahlrecht, die Abschaffung von Sklaverei oder Gesetze zum Verbot von Kinderarbeit.
Was immer Social Businesses noch alles werden mögen – es muss darauf basieren, wie Menschen arbeiten, wenn sie sich frei fühlen, wenn sie am kreativsten sind, am meisten eingebunden sind und gebraucht werden. Wir werden eine Art zu arbeiten aufbauen, in der das, was die Menschen tun genauso wichtig ist, wie die Menschen selbst. Was auch immer hinzukommt – das ist das Mindeste, was Social Businesses sein müssen.
Stowe Boyd ist international bekannter Experte für Social Tools und deren Einfluss auf Medien, auf die Geschäftswelt und auf die Gesellschaft. Boyd hat verschiedenste Unternehmen beraten, in Deutschland am bekanntesten ist XING. Boyd bloggt seit 1999, hat vor etlichen Jahren seinen Newsletter abgeschafft (“Dafür bin ich massiv beschimpft worden”) und seine aktuellsten Gedanken, Postings und Messages liest man hier: http://www.stoweboyd.com/ und hier http://twitter.com/stoweboyd
Teile dieses Artikels finden sich im englischen Original hier.
Übersetzung: Anja Floetenmeyer (Many thanks Stowe!)
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2 Kommentare to 'Wo steht das Internet in zehn Jahren? – Gastbeitrag von Stowe Boyd'
28. Januar 2010
Ich bin überrascht und berührt, wie treffend dieser Mann beschreibt, was ich laufend versuche, anderen klar zu machen. Meinen Kunden zum Beispiel. Lange nicht so Differenziertes zum Them Social Media gelesen. Großartig!
10. September 2010
Recht hat er. Ich habe noch einmal rekapituliert wie das Internet VOR 10 Jahren, also 2000, ausgesehen hatte.
Damals hätte man wahrscheinlich auch noch nicht angenommen, dass das Internet heutzutage eine solche Rolle spielen würde.
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