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Wikipedia stimmt über Verhältnis zur PR-Branche ab

© Wikimedia Foundation

Wikipedia hat ein Problem: Der Umgang mit der PR-Branche fällt der Enzyklopädie traditionell schwer, und umgekehrt gilt das sicher genauso. Auch wenn es mittlerweile fast 2.000 verifizierte Benutzerkonten gibt, die von Unternehmen oder anderen Organisationen geführt werden, tragen nicht alle ernsthaft und sinnvoll zur Verbesserung der Enzyklopädie bei – und Skandale wie Daimler, Bell Pottinger und Co. haben in den letzten Jahren auch nicht gerade geholfen, mehr Vertrauen zwischen beiden Seiten aufzubauen.

Bislang sind die Regeln, was Unternehmen in Wikipedia tun dürfen, relativ vage. Um beiden Seiten etwas mehr Sicherheit zu geben, beginnt heute eine Abstimmung über die Frage, ob PR und bezahltes Schreiben allgemein eingeschränkt werden sollen. Das sogenannte Meinungsbild läuft bis einschließlich 21. Oktober 2013 und ist aus einem Community-Projekt zur Untersuchung der Grenzen der Bezahlung in Wikipedia entstanden.

In einem Meinungsbild sind alle Wikipedianer zur Abstimmung aufgerufen. (Bild: Screenshot Wikipedia)

Erlaubnis oder Verbot

An der Abstimmung kann jeder registrierte Benutzer teilnehmen, der das allgemeine Stimmrecht besitzt. Das bedeutet, dass er mindestens zwei Monate aktiv sein und 200 Bearbeitungen vorweisen muss, davon mindestens 50 im letzten Jahr – nur dann darf er seine Stimme abgeben. Die Mehrheit der verifizierten Benutzerkonten von Unternehmen erreicht diese Kriterien übrigens nicht, kann die Abstimmung also nicht beeinflussen – und das ist gut so.

Im ersten Schritt muss sich die Community entscheiden, ob sie bezahltes Schreiben grundsätzlich zulassen oder ablehnen möchte. Um die Entscheidung zu erleichtern, wurden die Ergebnisse der seit mehreren Monaten laufenden Diskussion um kommerziellen Einfluss übersichtlich zusammengefasst, inklusive möglicher Vor- und Nachteile der einen oder anderen Entscheidung.

Zwingende Transparenz

Benutzer, die sich für eine Verschärfung der Regeln im Umgang mit bezahlten Schreibern entscheiden, müssen sich anschließend mit der Frage der Transparenz auseinandersetzen. Zwei der insgesamt vier Möglichkeiten, die in der Abstimmung vorgesehen sind, machen die bislang freiwillige Transparenz zum verpflichtenden Standard, wenn ein Unternehmen oder dessen PR-Abteilung in Wikipedia arbeiten möchte. Das heißt im Klartext, dass es nicht mehr erlaubt wäre, sich unter einem Pseudonym anzumelden und Artikel zu bearbeiten oder Änderungen auf der Diskussionsseite anzuregen.

Anonyme Beiträge sind ohnehin verpönt, nicht umsonst findet seit Monaten ein regelrechter Ansturm auf die verifizierten Benutzerkonten statt. Allerdings tauchen sie trotzdem immer wieder auf – entweder, weil Benutzer nicht wissen, dass sie ihren möglichen Interessenkonflikt offen legen sollten oder keine Ahnung haben, wie das technisch in Wikipedia zu realisieren ist.

Eine Möglichkeit sieht vor, Transparenz verpflichtend zu machen – etwa durch spezielle Benutzerkonten. (Bild: Screenshot Wikipedia)

Stimm- und Sichterrechte

Neben den Fragen nach verbindlicher Transparenz beschäftigt sich das Meinungsbild auch mit den Stimm- und Sichterrechten von Unternehmen und anderen Organisationen beziehungsweise deren Mitarbeitern. In einigen Varianten der Abstimmung ist vorgesehen, beide Rechte per Richtlinie vollständig zu entziehen. Dahinter steht die Angst, bezahlte Schreiber mit einem langjährig aufgebauten Benutzerkonto könnten selbst Einfluss auf die Regeln und Richtlinien der Wikipedia nehmen oder sich beispielsweise einen ihnen genehmen Administrator wählen. Die Aberkennung der Sichterrechte soll verhindern, dass PR-Leute ihre eigenen Änderungen an einem Artikel freischalten können, ohne dass diese von einem anderen unabhängigen Benutzer geprüft wurden.

Zwar hat sich in der Diskussion herausgestellt, dass von den knapp 2.000 verifizierten Benutzern ohnehin nur ein verschwindend geringer Teil überhaupt so viele Bearbeitungen vornimmt, dass er Stimm- und Sichterrechte in Anspruch nehmen kann – aber das Meinungsbild soll ja auch zukünftige Entwicklungen teilweise abdecken.

Fazit

Egal, wie man zur Mitarbeit der PR-Branche in Wikipedia grundsätzlich steht: Eine verbindliche Vorschrift für die Transparenz von Änderungen sowie den Entzug oder Verzicht auf Sichter- und Stimmrechte wären nicht nur für die Community ein gewaltiger Fortschritt, sondern auch für Unternehmen und ihre Agenturen. Es würde die Zusammenarbeit beider Seiten erheblich erleichtern, weil es weniger Möglichkeiten für die konkrete Ausführung von Änderungen an Artikeln zulässt – und die komplizierte Wikipedia-Welt ein Stück einfacher macht.

 

Über den Autor

Markus Franz ist geschäftsführender Gesellschafter von Sucomo Consulting. Mit seinem Team hilft er kleinen und großen Unternehmen, die Welt des freien Wissens und besonders Wikipedia ein Stück besser zu verstehen. Er erklärt die offiziellen und inoffiziellen Richtlinien, sodass Unternehmen an der Enzyklopädie mitarbeiten können, ohne es sich mit der Community zu verscherzen – ob absichtlich oder unabsichtlich.

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hat diesen Beitrag am Montag, 7. Oktober 2013, in der Kategorie Gastbeiträge veröffentlicht und unter den Stichworten , , , , , abgelegt
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1 Kommentar to 'Wikipedia stimmt über Verhältnis zur PR-Branche ab'

Nicolas Scheidtweiler
8. Oktober 2013

Danke für diesen Hinweis.
Als PR-Berater sehe ich absoluten Bedarf darin, hier Transparenz zu schaffen und die Qualität dieser Plattform beizubehalten. Ich sehe das analog zur Pressearbeit. Nur eine objektive Berichterstattung bzw. In diesem Fall der Artikel erhält das Vertrauen.
Im Gründe gilt für die gesamte PR das Prinzip objektiv zu informieren. Werbung gehört nicht dazu.

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