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Öffentlich-rechtlich versorgt?

Das System der öffentlich-rechtlichen Rundfunkfinanzierung wird immer wieder kritisiert und diskutiert. Das ist nicht nur bei ARD und ZDF in Deutschland so – auch die englische BBC muss sich für ihre gebührenfinanzierte Existenz rechtfertigen. Die BBC wagt sich jedoch vor und macht sich selbst zum Zentrum: Sie hat gerade eine Vorlesungsreihe ins Leben gerufen und bittet zur Debatte.

Quite interesting – qi mit Stephen Fry: Wissen als Unterhaltungssendung. Witzig, erfolgreich und preisgekrönt

Drei Vorträge sind jetzt online abrufbar: Tierfilmer und Fernsehlegende Sir David Attenborough machte den Anfang. Der unfassbar gute Unterhaltungs-Fernsehmann Stephen Fry folgte in der letzten Woche. Alle Vorträge sind natürlich als Video, Audio, Transkript und als PDF auf der BBC-Seite verfügbar. Mehr zu Frys Beitrag kann man bei Stefan Niggemeier lesen.

Wenn über den Auftrag der Medienanstalten diskutiert wird, kommt häufig das Argument, Unterhaltung könnten die Privaten ohnehin besser; Öffentlich-rechtliches sollte sich auf Nachrichten, Kultur und Bildung beschränken.

Wenn man in ARD und ZDF von Privatsendern abgekupferte Vorabendsendungen sieht, möchte man da sofort zustimmen. Dass man es sich so leicht nicht machen muss, zeigt ein Blick ins englische Fernsehprogramm. Diese Fernsehlandschaft beweist, dass Bildungsfernsehen nicht langweilig sein muss. Dass Unterhaltung auch intelligent sein kann. Und dass Dokumentationen sogar zur Prime Time am Samstagabend funktionieren.

Es geht auch intelligent

Je länger ich englisches Fernsehen gucke, umso öfter beginne ich mich fremd zu schämen. Dabei scheint gutes Fernsehen offensichtlich machbar: Top Gear (love it or hate it) ist beispielsweise eine einstündige Unterhaltungsshow über Autos. Das ist schwungvoll, sehenswert und mit so viel Chruzpe gemacht, dass sogar ich die Sendung gerne gucke (ich interessiere mich ansonsten gelinde gesagt nicht besonders für Automagazine). Das Moderatorenteam besteht nicht aus austauschbaren Schönlingen, sondern aus umstrittenen Charakteren. Moderator Jeremy Clarkson nimmt kein Blatt vor den Mund, die Kommentare sind durchweg zynisch-sarkastisch und Provokationen gehören zur Sendung. Man sitzt jedoch immer bestens unterhalten vor der Glotze, wenn die drei Moderatoren und der Rennfahrer (The Stig – dessen Identität unbekannt ist) mit großer Lust am Spritverbrauch Autos testen. Da tritt schon einmal ein Rennwagen gegen ein Flugzeug an oder ein Mini fliegt eine Ski-Schanze hinunter. Das ist politisch nicht korrekt, die Versuchsanordnungen sind abgefahren (Sprachspiel muss sein) und abenteuerlich – das Urteil aber dennoch stets fundiert.

Ein anderes Beispiel: Die siebenteilige Doku "Seven Ages of Rock" gab kürzlich einen Rundumschlag der modernen Rock-Popgeschichte. Siebeneinhalb Stunden Musik, Bands, Strömungen, Zusammenhänge, Hintergründe und noch mal Musik. Als ARD und ZDF am Samstagabend zur besten Sendezeit Perlen wie Musikantenstadl und Bond-Wiederholungen zeigten, liefen in der BBC sieben Wochen lang Hendrix und Oasis. Etwas Ähnliches produzierte vor Jahren einmal der WDR: POP 2000, einen 12-teiligen Kritikererfolg, versteckt gesendet in Sonntagnächten.

Madeleine McCann – sogar das geht

Unterhaltung muss nicht bescheuert sein, um sich an die Massen zu wenden. Genauso wenig ist Popkultur automatisch dämlich. Selbst Boulevard-Themen lassen sich anspruchsvoll nach hohen Standards bearbeiten. Genau damit hat die BBC mich bisher am meisten beeindruckt: Vor wenigen Monaten lief an einem Mittwochabend zur Hauptsendezeit eine einstündige Dokumentation zum Fall der verschwundenen Madeleine McCann*. Dieses scheinbar reine Medienthema wurde hier journalistisch und informativ aufgearbeitet, Fakten zusammengetragen, Wahrscheinlichkeiten diskutiert, Abläufe abgebildet, Szenen und Interviews eingeschnitten. Nach einer Stunde war man in der Lage, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Doku war weder sensationsgeil noch auf Tränendrüsen fixiert. Sie respektierte die Eltern und stellte dennoch unbequeme Fragen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die "Sun" bereits eine unsägliche Maddie-Sektion auf der Homepage (die auch heute noch besteht) und täglich neue "Nachrichten" auf der Titelseite. Ich hatte nicht daran geglaubt, dass diese Geschichte überhaupt noch souverän aufbereitet werden kann. Hut ab.

Von verdammt intelligenten englischen Unterhaltungssendungen wie Qi (wieder Stephen Fry), "Have I got News for you?", "Just a Minute", dem "Newsquiz" and many many more fange ich jetzt nicht an. Der Gerechtigkeit halber füge ich hinzu: Es gibt auch im englischen Fernsehen superdämliche Reihen wie "Embarrassing illnesses", massenweise schlimme Daily Soaps und merkwürdige Sci-Fi-Institutionen wie "Dr. Who". Aber grundsätzlich macht die BBC intelligentes Broadcasting. Im Fernsehen wie im Radio und mit großer Selbstverständlichkeit – und Geschäftssinn – auch im Internet. Die BBC setzt hohe Standards auch in der Unterhaltung. Maßstäbe an denen sich die Gesellschaft orientiert. Auch dafür ist die Grundversorgung wichtig.

Intelligente Medien – ja bitte!

Man muss Unterhaltung nicht mit Wetten Dass ?? abhaken und den Rest Stefan Raab und Günther Jauch überlassen. Wenn ich Tagesthemen gucken soll, warum führt Karen Miosga dann im Wesentlichen ansehnlich durch die Sendung? Und: Wo die ARD gerade eine Mediathek hinstümpert, sind alle BBC-Beiträge längst als Podcast online.

Qualität wird gern bezahlt

Über das Gebührensystem lässt sich diskutieren: Wenn für das Geld eine entsprechende Leistung geliefert wird. Hierzulande heißt es stets, die Öffentlich-rechtlichen sollen nicht nach der Quote schielen müssen. Gleichzeitig wissen die Anstaltsvorderen: Sinkt die Quote, wird die Frage lauter, ob die Gebühren noch gerechtfertigt sind. Wer sich aber keinen eigenen Qualitätskodex auferlegt, muss weiter Kosten vergleichen und bleibt angreifbar. Aber im Gegensatz zur BBC fürchten unsere beiden größten Sendeanstalten ARD und ZDF sogar die Debatte selbst. Schade.

*Über sieben Ecken ist jeder mit jedem bekannt? Da Sie mich "kennen", haben Sie dann über nur zwei Ecken eine Verbindung zu dem Kindsvater Gerry. Daher rührte das Grundinteresse an der Sendung.

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hat diesen Beitrag am Montag, 19. Mai 2008, in der Kategorie Zeitgeschehen veröffentlicht und unter den Stichworten , , , , , , abgelegt
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3 Kommentare to 'Öffentlich-rechtlich versorgt?'

Lina
21. Mai 2008

Schöner Beitrag. Und ich sehe das ganz genauso. Nur würde mich mal interessieren, wo DU in Deutschland BBC guckst. Ich empfange so nur BBC World und da gibt es die meisten genannten Sendungen nicht- leider. Denn ich vermisse das Britische Fernseh aus meiner Zeit auf der Insel sehr!

Anja Floetenmeyer
21. Mai 2008

Hallo Lina,

vielen Dank. Für englisches Fernsehen in D bräuchtest du eine Schüssel. Wie die zu installieren wäre, weiß “Germany’s English-speaking crowd”:
http://www.toytowngermany.com/wiki/English_language_television.

Ich lebe derzeit wochenweise im Wechsel in beiden Ländern – und in England haben wir dann natürlich auch BBC, ITV, Channel4 etc. Drum.
Tipp gegen Entzugserscheinungen: RTL2 zeigt derzeit sonntagnachmittags Gordon Ramsey. Viel Spaß.

Lina
21. Mai 2008

Ah super danke für die Tipps (zusätzlich zu den PR Tipps bei euch :-) )! Dann werde ich mir wohl früher oder später mal eine Schüssel besorgen. Nach 3 Jahren in Schottland ist das leben ohne ITV und Co doch echt öde…
Ramsey ist schon ein fester Bestandteil meiner Sonntage :-)

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