Krisenkommunikation im Pandemiefall – Schweinegrippe
Kennen Sie das deutsche Schweinegrippen-Mantra? Es lautet: “Wir sind bestens vorbereitet. Im Hintergrund laufen die Maßnahmen. Kein Grund zur Panik!” Die zuständigen Behörden haben es geprägt. Das beruhigt doch. Oder etwa nicht?
Aus kommunikativer Sicht ist das ein Offenbarungseid.
International gilt für alle Länder weltweit seit dem 29.4.2009 dieselbe WHO Pandemiestufe 5 (von 6). Wie unterschiedlich das Thema länderspezifisch umgesetzt wird, beobachte ich am Beispiel meines Zweitlandes England. Für Stufe 5 sind in England diverse Maßnahmen vorgesehen – eine davon ist Kommunikation.
Im Gegensatz dazu ist im Pandemieplan des Landes Bremen Kommunikation nur global als Stichwort “Medienarbeit” benannt, aber ohne Inhalte. Im Pandemieplan unseres Landes Niedersachsen heißt es: “Die Bevölkerung muss durch die zuständigen lokalen Behörden (…) informiert werden, welche Schutzmaßnahmen zu befolgen sind und wie man Zugang zu diesen erhält. “Merkblatt 1″ im Pandemieplan enthält sogar die relevanten Informationen (Seite 28). Nur: Weitergegeben wurden sie bisher nicht. Das Merkblatt sieht übrigens noch dröger aus, als man es sich vorstellt.
Botschaften zielgruppengerecht aufbereitet
In England informiert seit einer Woche eine nationale Kommunikationskampagne flächendeckend die Bevölkerung. Die Inhalte wurden im Vorfeld von Virologen erarbeitet und von Kommunikationsfachleuten vorproduziert. Bilder, Formulierungen, Spots, Anzeigen, Verbreitungskanäle: Alles fertig in der Schublade. Seit vorgestern (also sechs Tage nach Ausruf der WHO-Warnstufe 5!) wird in alle (!) Haushalte eine 12-seitige Broschüre verteilt (swine flu leaflet). Hier ist allgemeinverständlich aufbereitet exakt vorgezeigt, was zu beachten und zu tun ist, welche Vorbereitungen zu treffen sind, welche Telefonnummer angerufen werden kann und welche Maßnahmen jeder ab sofort beherzigen soll. Im TV laufen Werbespots, die anschaulich zeigen, wie sich Viren von einem, der in die Hände niest über den Fahrstuhlknopf an die Hand des nächsten verbreiten, der seiner Frau die Hand gibt und so fort.
Anzeigen wurden geschaltet, die zentrale Patientenanlaufstelle im Internet hat ihre Startseite mit den Handlungsanweisungen versehen. Ein Selbsttest ermöglicht verunsicherten Patienten mittels eines Symptomcheckers online zu prüfen, ob ein Verdacht vorliegen könnte.
“In diesem Stadium ist Kommunikation besonders wichtig”, begründet der oberste Mediziner Chief Medical Officer Sir Liam Donaldson die erstaunlich umfangreichen Maßnahmen im BBC4 Frühstücksradio. “Getting into the habit early is very important.” Habit? Welche Handlungsempfehlungen sind denn bei gleicher WHO-Warnstufe in England so unabdingbar – und in Deutschland den Bürgern gegenüber nicht einmal formuliert?
Es gibt die griffige Botschaft: “Catch it. Bin it. Kill it.” – Also: Ins Taschentuch niesen, Taschentücher nach einmaligem Gebrauch wegwerfen, regelmäßig Händewaschen oder desinfizieren. In Deutschland haben Einzelmedien einen solchen Ratgeber veröffentlicht: Zum Beispiel die BILD-Zeitung oder die Brigitte (als Klickstrecke…).
Ich lasse mir aber normalerweise nicht von BILD und Brigitte mein Leben erklären.
Habe ich in Deutschland irgendetwas übersehen? Ich habe recherchiert:
Bei jedem größeren Brand wird die Bevölkerung aufgefordert “Fenster und Türen geschlossen zu halten” – im Pandemiefalle bisher geschehen: nichts. Das Bundesgesundheitsministerium hat hierzu keine Pressemitteilung veröffentlicht, die HAZ-Redaktion hat von keiner offiziellen Seite etwas erhalten. Weder informieren die Krankenkassen ihre Mitglieder, noch stellt das zuständige Landesgesundheitsamt (Pandemie ist in Deutschland eben Ländersache) den Medien Informationen für die Bevölkerung zur Verfügung. Die Seite des Bundesministerium für Gesundheit präsentiert sich mit dem kommunikativen Knaller “Influenza A/H1N1 (Schweinegrippe): Das Ministerium informiert“.
Gilt die internationale Stufe 5 nicht für Deutschland?
Was weltweit führende Virologen (die britischen und die US-Wissenschaftler arbeiten gerade am Impfstoff) für sinnvoll halten, um ihre Bevölkerung vor Ansteckung zu bewahren und Todesfälle zu minimieren, soll für Deutschland keine Gültigkeit haben..? Die Informationen sind gut versteckt. Beispielsweise auf Unterseiten des Landesgesundheitsamtes und im niedersächsischen Pandemieplan. Aber wie man diese Informationen sinnvoll und schnell verbreitet – darum hat sich hierzulande offenbar niemand gekümmert.
Unsicherheit macht sich breit
Heute veröffentlichte die Hannoversche Allgemeine Zeitung auf ihrer bunten “Welt im Spiegel”-Seite einen süffisanten Artikel zu den Auswüchsen der Schweinegrippen-Angst. “Küsschenverbot und Hupgebot aus Angst vor H1N1″ lautet die Unterüberschrift und der Artikel listet auf, welche Maßnahmen international so ihre Blüten treiben. Der saarländische Landtag habe Küsschen zur Begrüßung verboten, in Neuseeland sollen Leute mit dem Auto zum Krankenhaus fahren und dann drei Mal hupen, damit sie niemanden anstecken und so weiter. Dass das sinnvoll ist, schreibt die Journalistin Kautenburger nicht. Die Zeitung hat auch nicht recherchiert und verbreitet, was jetzt sinnvoll ist. Das ist auch nicht ihre Aufgabe, denn die Handlungsanweisungen können stets nur so gut sein, wie der Mediziner, der zu Recherchezwecken angerufen wurde.
Meine Bundesgesundheitsministerin hat mir bisher nicht gesagt, wen ich anrufen soll, ob ich mit Schweinegrippenverdacht bei meinem Hausarzt in der Praxis herumhusten darf, oder wie ich mich vor Ansteckung schütze. Ich höre nur das Mantra. “Kein Grund zur Panik. Ruhe bewahren.” Das funktioniert aber nur bedingt. Informationsmangel erzeugt Unsicherheit und daraus entsteht Angst. Oder Panik.
Informationen, die die Engländer bekommen sind diese:
Bei Verdacht ruft die Nation dieselbe Rufnummer an, Spezialteams behandeln die Patienten in Isolation direkt zu Hause, damit die Krankenhäuser möglichst nicht zu Ansteckungszentren werden. Also: zu Hause bleiben, Nummer anrufen, der National Health Service kümmert sich um dich. Ein Lungenchefarzt sagte mir: “Hier wird dafür gesorgt, dass die Patienten das Tamiflu bekommen, bevor sie es sich holen kommen und in den Krankenhäusern herumhusten.” Tamiflu und Relenza – die Medikamente, die im Pandemiefalle helfen – sind für 50 Prozent der Bevölkerung vorhanden und sicher eingebunkert. Der Chief Medical Officer noch einmal: “We’ve got the largest subpile of Tamiflu in the world”. Solche Informationen würde ich natürlich auch gern von Ulla Schmidt (oder von Christian Wulff) hören. Es ist nämlich überhaupt kein Wunder, dass die Engländer ruhig und besonnen bleiben. Das Gegenteil von “Keine Panik” ist nämlich gute und ehrliche Information und gelungene Krisenkommunikation. Wer übrigens meint, die Engländer hätten eventuell übertrieben reagiert, dem sei noch einmal vor Augen geführt, worum es hier eigentlich geht. Noch einmal der Lungenchefarzt: “Um Vorsorge für eine Krankheit, die sich verbreitet wie eine normale Grippe aber potenziell 70 Prozent der Patienten killt. Da MUSS man sich um die Bevölkerung kümmern.”
Bundesländer mit sich selbst beschäftigt
Von offizieller Seite war in den vergangenen Tagen oft die Rede davon, wie gut die länderübergreifende Kommunikation in unserer föderalistisch organisierten Struktur funktioniert habe und wie gut die Pandemiepläne umgesetzt werden (das hatte ich bisher für selbstverständlich gehalten – aber auch der Staat kocht wohl nur mit Wasser). Es sei ein Testlauf gewesen, der sehr gut geklappt habe und nun habe man das am Fall der – offenbar nicht sehr gefährlichen – Schweinegrippe eben einmal ausprobiert und sei mit sich sehr zufrieden (die Zitate stammen aus der Diskussionsrunde der NDRinfo Redezeit vom verrgangenen Mittwoch). Das freut mich zu hören, denn mit dieser bisher glimpflich verlaufenen Schweinegrippe haben wir großes Glück gehabt. Da man jetzt in der Lage ist, Pandemiepläne umzusetzen, könnte nun bitte jemand die nötige Krisenkommunikation planen.
Zeit wird’s.
Nachtrag, 1. Juli 2010
In England hat eine unabhängige Kommission die Reaktion des Staates auf die pandemische Bedrohung unter die Lupe genommen. Das Berichtsergebnis: Die 1,2 Milliarden Britische Pfund waren gut angelegt. Im Großen und Ganzen sei die Strategie angemessen und effektiv gewesen – lediglich der Vertrag mit dem Impfstofflieferanten GlaxoSmithKline sei nicht flexibel genug gewesen.
Hier der Guardian-Artikel dazu.
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5 Kommentare to 'Krisenkommunikation im Pandemiefall – Schweinegrippe'
3. Juli 2009
Ein sehr guter Bericht der im wesentlichen das wiederspiegelt was zur Zeit in Deutschland abläuft. Lieber “Klappe halten”, “keine Panik” und abwarten ist die Devise vieler Verantwortlicher, das ist auch meine Erfahrung. Viele wollen sich nicht lächerlich machen übersehen aber vollkommen wie Wichtig es ist schnell zu handeln, anstelle lieber mal ab zu warten was die chefin der WHO zu sagen hat. In Deutschland raten sogar einige Regierungsvertreter allen ernstes nich voreilig zu Handeln. Ich glaube die haben nichts begriffen. Ein sehr guter Betrag
10. Dezember 2009
Interessanter Artikel. Hier mal einige Infos darüber, was uns die Schweinegrippe eigentlich so kostet: http://www.finanzen-forum.net/krankenversicherungen-f21/was-kostet-uns-die-schweinegrippe–t22.html
28. Dezember 2009
Ich finde da war viel Panikmache dabei….
14. Januar 2010
Ich finde, dass die Kommunikation nicht gerade gut verlaufen ist….
29. Januar 2010
Schweinegrippe? Hab ich nie gehört
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