Gaming-Journalismus im Schwarmprinzip
In wenigen Bereichen ist der Wandel der Rezeptionsgewohnheiten so augenfällig wie im Segment der Video- und Computerspielpresse. Während die klassische Form des Gaming-Journalismus seit über einer Dekade unter rückläufigen Umsatzzahlen leidet, hat sich online ein Gegentrend formiert.
Doch es sind nicht die etablierten Verlage, die hier mit überarbeiteten Konzepten verlorenes Terrain zurückgewinnen. Deren digitale Angebote bieten größtenteils kaum mehr als die zu Grunde liegenden Printtitel, angereichert mit einigen Videos und einem Community-Bereich.
Doch weit ab dieser ausgetretenen Pfade hat sich eine Alternativ-Szene entwickelt, deren Arbeitsweise ganz bewusst von journalistischen Mustern abweicht. Keine objektive Herangehensweise, keine staubtrockenen Analysen bis in das kleinste Detail. Dafür findet der Rezipient knallhart subjektive Reviews, technisch unvollkommen und oft polemisch bis an die Schmerzgrenze.
Technisch unvollkommen und polemisch
Ihre Protagonisten sind keine Profis. Kaum einer hat einen journalistischen Hintergrund, viele haben nicht einmal mediale Erfahrung. Sie rekrutieren sich aus Freizeitspielern, die ihre Erfahrungen und Berichte auf Social Media- und Videoplattformen veröffentlichen. Es sind Enthusiasten, welche die Begeisterung für ihr Hobby nach außen transportieren. Dabei ist es die selbstorganisierende Natur des Social Webs, welche Struktur in die heterogene Masse der Reviewer bringt. Neben den üblichen verlinkten Strukturen entstanden in den letzten Jahren Angebote, welche die Distributionswege professionalisieren.
Ein Beispiel hierfür ist Blistered Thumbs, ein Webportal der Onlinemedienproduktionsfirma Channel Awesome. Hier werden Videos und Artikel rund um den Themenbereich Videospiele publiziert. Die Autoren rekrutieren sich aus erfolgreichen Internet-Reviewern und treffen mit einer Mischung aus Produktinformation und Unterhaltung genau den Ton der Gamergemeinde. Format und Arbeitsweise wählt dabei jeder Reviewer nach eigener Fasson, Vorgaben gibt es kaum.
Fans werden geteilt
Die Zahl der Besuche schwankt je nach Beitrag und Reviewer, ebenso wie Qualität und Informationsgehalt der Inhalte. Und eben hier scheint der Erfolg von Angeboten wie Blistered Thumbs zu liegen. Ihre Art zu publizieren bildet die ebenso fragmentierte Rezeptionskultur der Netzgemeinde nach und bindet auf diese Weise höchst unterschiedliche Rezipientengruppen an sich. Dabei wirkt das Webportal als Label, mit dem Fans eines Reviewers früher oder später auch andere Angebote seiner Kollegen nutzen. Dies wird durch Kooperationen der einzelnen Akteure noch verstärkt. Besonders in den stark personalisierten Videobeiträgen wirkt das Stilmittel des Crossover um Nutzergruppen innerhalb des Portals zu teilen und exponentiell mehr Klicks zu generieren. Gleichzeitig betreiben die meistgeklickten Reviewer parallel eigene Webangebote, welche nach dem selben Prinzip externe Nutzerströme kanalisieren.
Die Kraft des Schwarms
Die Schlagkraft eines solch eng vernetzten Schwarms sollte nicht unterschätzt werden. Sie sind, obwohl nur Amateure, Alphakommunikatoren und Multiplikatoren für verschiedenste Netzwerke. Direkte Einflussnahme gestaltet sich schwierig, da es an zentralen Ansatzpunkten fehlt. Zu empfehlen ist in jedem Fall ein permanentes Monitoring, um bei Bedarf schnell reagieren zu können. Auch sollte die Kommunikation jederzeit so offen wie möglich geführt werden, da Verzögerungstaktiken und Fehlinformation innerhalb des Schwarms schnell enttarnt und somit zum Bumerang werden.
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1 Kommentar to 'Gaming-Journalismus im Schwarmprinzip'
6. Juli 2012
Es handelt sich bei Ihrem Beispiel ja um eine amerikanische Site. Hätten Sie auch ein deutschsprachiges Beispiel?
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