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Die neue Macht von Twitter

Im Oktober 2009 wurden rund 250.000 deutschsprachige Accounts bei Twitter.com angemeldet, etwa 185.000 werden aktiv genutzt. In England twittern dagegen laut BBC bereits rund fünf Millionen Nutzer. Anhand aktueller Medienskandale lässt sich beobachten, was Twitter noch alles werden könnte.
Die Ursprungskultur ist hier eine Andere. Während deutsche Top-Twitterer sich gern über die Themen Online-Marketing, Medien und das Web 2.0 unterhalten, ist der englische Twitter-Marktplatz von einer TV-Persönlichkeit überstrahlt:

Stephen Fry ist Autor, Schauspieler, TV-Quizmoderator, Kolumnenschreiber, Prince-Charles-Freund, Fernsehberühmtheit, Vorzeigeintellektueller und Stimme der Harry Potter-Bücher. Stephen Fry kennt – und mag – jedes Kind. Seine Vorliebe für Gadgets und die Lust am Twittern brachten ihm bis heute 955.683 Follower (also Leser) ein. Seine privaten und oft sehr witzigen kleinen 140-Zeichen-Bemerkungen machen Spaß. Ein typischer Tweet: “600 people went to the theatre, not to to see Oliver but to compete in a paper & chocolate wrapper rustling competition. Others came to cough.” Fry als Berühmtheit zum Anfassen, das war neu. Fry war für Twitter in England der Eisbrecher. Er twitterte live in einer sehr beliebten TV-Show (“Friday Night with Jonathan Ross”, Gast morgen: Robbie Williams), Zeitungen zitierten seine Tweets. Inzwischen hat nahezu jedes Medium einen Twitteraccount und viele TV- und andere Berühmtheiten wie Yoko Ono, Jamie Oliver, John Cleese uvm. twittern ebenfalls. Tweets sind eine regelmäßige Nachrichtenquelle, dass Fry aufgehört habe zu Twittern, brachten die Sonntagszeitungen auf der Titelseite (!), inzwischen twittert er weiter, auch eine Nachricht wert.

In England ist Twitter also nicht nur sehr viel weiter verbreitet – Twitter ist auch sehr viel “mainstreamiger”. Gleichbleibend scheint international nur die hohe Altersstruktur zu sein. Was die Engländer neuerdings mit Twitter anstellen, gleicht einem neuen Demokratie-Werkzeug, das schnell und effizient Lautstärke und Aufmerksamkeit erzeugt und dem gilt mein Interesse. Hier drei Beispiele:

Twitterstorm 1 – #Trafigura #guardian #scandal

Der Guardian hatte an der Aufdeckung eines Skandals gearbeitet (man war einer illegalen Giftmüllverklappung an der Elfenbeinküste auf die Spur gekommen). Im Verlauf der Aufdeckungen wurde der Guardian per einstweiliger Verfügung juristisch geknebelt. Chefredakteur Alan Rusbridger kennt jedoch die Kampagnen-Fähigkeiten seiner Leserschaft. Er twitterte einen Link auf den Artikel, in dem der Guardian schrieb, dass er nichts schreiben darf. Binnen eines Tages hatten die Leser heraus, dass es sich nur um den Trafigura-Skandal handeln konnte und der Unternehmensname Trafigura wurde “Trending Topic” bei Twitter – also eines der meistdiskutierten Themen. Das Thema wurde von Bloggern aufgegriffen, Zeitungen wie Spectator und Telegraph berichteten kurz darauf ebenfalls. Der Druck einer außer Kontrolle geratenen Öffentlichkeit zwang Trafiguras Anwälte schon am Folgetag dazu, die gerichtliche Verfügung zum Teil fallen zu lassen.

Twitterstorm 2 – #janmoir

Jan Moir ist eine Kolumnistin, die in der eher konservativen Daily Mail einen Artikel über den Tod des Boyzone-Sängers Stephen Gately geschrieben hatte. Obwohl am Tag offiziell festgestellt worden war, dass der Sänger eines natürlichen Todes starb, nutzte sie ihren Artikel für homophobe Spekulationen. Kurz darauf wurde der Link zum Artikel auf Twitter herumgereicht. Ein Twitterer mit rund 950 Followern schrieb “Vile piece of “journalism” by some evil cow called Jan Moir”. Ben Locker, ein Copywrighter mit üppigen 3.800 Followern, stimmte ein “Yes, that’s a disgraceful article”. Die Antwort – und ab hier wird Twitter zum bewusst benutzten Instrument: “Can we get #janmior trending?”.

Am späten Nachmittag im Büro klickte ich auf den Trend #janmoir auf der Twitterseite, surfte hinüber zu dem Artikel über Gately, nickte, weil der Artikel wirklich geschmacklos war, und fuhr nach Hause. Eine Stunde später hörte ich staunend die BBC-Hauptnachrichten: Die Jan-Moir-Story hatte alle anderen News auf die Plätze verwiesen. Beim englischen Presserat, der Press Complaints Commission, waren am Nachmittag über 1000 schriftliche Beschwerden über die Daily Mail eingegangen. Die Zeitung hatte die Headline geändert, der Twittersturm war mit voller Wucht über Jan Moir hinweggefegt, der wichtige Konzern Marks & Spencers und weitere Anzeigenkunden hatten alle Werbung von der anstößigen Webseite zurückgezogen – insgesamt waren am Ende 22.000 Beschwerden eingegangen. In der Kürze der Zeit, hätte man nicht einmal laut “Demo!” oder “Skandal!” rufen können – geschweige denn Flyer drucken, Transparente malen und in die Stadt fahren.

3 Die orchestrierte Twitterkampagne – Scott Pack

Scott Pack ist Publizist und brachte kürzlich ein Buch heraus, von dem er gern wollte, dass die Welt davon erfährt. Das Buch ist ein Weihnachts-Ratgeber für Atheisten und enthält Beiträge von 42 Autoren. Es handelt davon, wie man nett Weihnachten feiern kann, obwohl man nicht an Gott glaubt – also kein Bestseller à la Dan Brown. Da nahezu jeder der Autoren auch twittert, kam Pack auf die Idee, die Plattform zu instrumentalisieren. Was, wenn am Erscheinungstag alle Autoren darüber twittern, kurz bevor das Buch erscheint? Als Ergebnis schnellte “The Atheist’s Guide” von Platz 20.000 auf Amazon’s live Bestseller Liste auf Platz 14. Innerhalb eines einzigen Tages. Pack: “We just sat there watching it move up the chart, hour after hour. And it hadn’t even been published."

Ist Twitter also nun ein nettes Instrument, um mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben? Eines der effektivsten Promotion-Tools unserer Zeit? Ein machtvolles neues Instrument für die Demokratie, das es ermöglicht Verstöße umgehend bloßzustellen und Missetäter zu bezwingen? Oder ist die Twittersphere ein legaler Rent-a-Mob, der gegen jeden vorgeht, der dem eigenen – eher links orientierten – Meinungsbild nicht entspricht?

Twitter mag gut sein für die Demokratie, aber demokratisch ist es deshalb noch lange nicht. Natürlich kann sich auf Twitter jedermann äußern, aber nicht jedermanns Äußerungen sind gleich wichtig. Ich mache mir da nichts vor: Meine Twitterbeiträge sind im Twinternet nicht einen Deut so interessant, wie das was Stephen Fry zum Lunch hatte.
Darum übergebe ich das Schlusswort – frei übersetzt – an Stephen Fry:

Aktuell scharren Berater mit den Hufen, Parteien und Marketer überlegen krampfhaft, was sie mit Twitter alles anstellen könnten, “wenn nur die Strategie stimmt”. Die Presse beäugt Twitter mit verständlicher Angst, Faszination und einem Gefühl von Bedrohung: Sie stellen darum nachdrücklich und mit gekränkter Stimme fest, dass Twitter-Leser Fähnchen im Winde seien, die von Meinungsbildnern wie Fry in diese oder jene Richtung gepustet – und benutzt – werden könnten. Nicht selten berichtet die englische Presse Tweets seien Unfug, Twittern wäre Galaber und Twitter wäre also sowas von irrelevantem Quatsch. Die Presse fürchtet Twitter aus mehreren Gründen. Celebrities, deren Taten heute auch seriöse Nachrichtenblätter verkaufen helfen, können die Zeitungen außen vor lassen und direkt mit ihren Fans kommunizieren – was zumindest für den Boulevard zutiefst erniedrigend ist und ihm das Wasser abgräbt.

Vielleicht sieht der Print aber auch mit Abscheu, was vorgeht, weil er die Hoheit über die öffentliche Meinung lieber selbst verwaltet. Dabei könnte Twitter heute in der öffentlichen Arena das sein, was die Presse selbst vor 250 Jahren war: Eine neue und kraftvolle Macht in der Demokratie und ein Stachel im Fleisch der etablierten Anordnung der Dinge.

Hier das elegant verfasste Essay von Fry zum Thema.

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hat diesen Beitrag am Donnerstag, 5. November 2009, in der Kategorie Zeitgeschehen veröffentlicht und unter den Stichworten , , abgelegt
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5 Kommentare to 'Die neue Macht von Twitter'

PR-Agentur Blog
10. November 2009

“Social Media ist doch nur eins von diesen modernen und kurzlebigen Hobbies dieser Web 2.0-Leute…” – so denken immer noch viele Deutsche, auch Unternehmensvertreter. Dem ist bei weitem nicht so. Das zeigt jetzt eine kleine Applikation, die eine Vo

Stefan
24. November 2009

Tja, da frag ich mich nur, wann wir aus dem Stadium des Twitter-Entwicklungslands in Deutschland heraustreten?

Birgit
24. November 2009

@Stefan

wenn wir Deutschen gelernt haben unsere Angst vor der eigenen Meinung zu überwinden. Wenn es doch hier in D darum geht sein eigenes Meinungsbild zu vertreten, wird doch von der Mehrheit der Arsch zusammengepitscht und der Schwanz eingezogen.

Allerdings sehe ich auch die Gefahr des Mainstreams, wenn er in eine ungewollte feindliche Richtung läuft. Wir kennen das aus der Geschichte zur Genüge. Daher sollte JEDER sein eigenes Hirn einschalten und auch benutzen und nicht schonen, damit es evtl. abnützen könnte ;-)

@Tanja
erstklassiger Artikel! Danke für die Recherche und gute Arbeit.

Ich nutze Twitter um mein eigenes Buch “Ich bin ICH und kein anderer!” und meine Websites zu promoten, interessante Weblinks mit den Followern zu teilen und mit ein paar Ad-Links pro Woche meine Portokasse aufzufüllen.

Als schnelles Sprachrohr für Nachrichten, die nicht im Mainstream der Massenmedien erscheinen, ist Twitter m. E. ein geniales Werkzeug. In Kombination mit Facebook, das etwas mehr Komfort in der Nachrichtenverbreitung bietet, ist das neue Medium der direkten Kommunikation mit vielen hoch effektiv – im Negativen wie im Positiven. Wenn der Einzelne aber nicht auf das achtet, was ihm dort vorgekaut wird, kann der Schuß auch nach hinten los gehen.

Ich denke dabei auch ans Corporate Twittern / Bloggen. Eine unausgereifte und schlecht recherchierte Nachricht kann genau ins Gegenteil ausarten. Ich denke, dass der Deutsche da sehr konservativ mit umgeht und sich erst Sicherheit verschaffen will, um nicht mit Gesetzgebungen und Regelungen (Staat / Unternehmen) in Konflikt zu geraten. Man darf nie bei einem Ländervergleich die unterschiedlichen Mentalitäten und rechtlichen Vorraussetzungen vergessen.

Mich persönlich interessiert es nicht, was eine bekannte Persönlichkeit zum Frühstück auf dem Teller hatte, sondern eher seine Meinung zu den aktuellen Themen und was es für Lösungsmöglichkeiten für Probleme aus seiner Sicht heraus gibt.

Wenn alle Gleichgesinnten sich eines Problems annehmen und ein globales Brainstorming machen, könnten wunderbare Lösungen zutage kommen, die die Wissenschaft und Industrie in Jahrzehnten nicht auf die Reihe bekäme. Ich finde, dass man die Kraft der Massen konstruktiv zum Wohle der Gemeinschaft einsetzen kann.

In diesem Sinne noch einen schönen Tag in good old germany ;-)

Anja Floetenmeyer
24. November 2009

Vielen Dank!

PR-Agentur Blog
10. Dezember 2009

Stephen Fry, britischer Autor, Schauspieler, TV-Quizmoderator, Kolumnenschreiber und vieles mehr, hat in dieser Minute seinen 1.103.781en Follower gewonnen – mich. Warum? Nun ja, ich bin PR-Mensch und Stephen Frys Tweets haben in den letzten Monaten das

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