Stephen Fry ist Autor, Schauspieler, TV-Quizmoderator, Kolumnenschreiber, Prince-Charles-Freund, Fernsehberühmtheit, Vorzeigeintellektueller und Stimme der Harry Potter-Bücher. Stephen Fry kennt - und mag - jedes Kind. Seine Vorliebe für Gadgets und die Lust am Twittern brachten ihm bis heute 955.683 Follower (also Leser) ein. Seine privaten und oft sehr witzigen kleinen 140-Zeichen-Bemerkungen machen Spaß. Ein typischer Tweet: “600 people went to the theatre, not to to see Oliver but to compete in a paper & chocolate wrapper rustling competition. Others came to cough.” Fry als Berühmtheit zum Anfassen, das war neu. Fry war für Twitter in England der Eisbrecher. Er twitterte live in einer sehr beliebten TV-Show (“Friday Night with Jonathan Ross”, Gast morgen: Robbie Williams), Zeitungen zitierten seine Tweets. Inzwischen hat nahezu jedes Medium einen Twitteraccount und viele TV- und andere Berühmtheiten wie Yoko Ono, Jamie Oliver, John Cleese uvm. twittern ebenfalls. Tweets sind eine regelmäßige Nachrichtenquelle, dass Fry aufgehört habe zu Twittern, brachten die Sonntagszeitungen auf der Titelseite (!), inzwischen twittert er weiter, auch eine Nachricht wert.
In England ist Twitter also nicht nur sehr viel weiter verbreitet – Twitter ist auch sehr viel „mainstreamiger“. Gleichbleibend scheint international nur die hohe Altersstruktur zu sein. Was die Engländer neuerdings mit Twitter anstellen, gleicht einem neuen Demokratie-Werkzeug, das schnell und effizient Lautstärke und Aufmerksamkeit erzeugt und dem gilt mein Interesse. Hier drei Beispiele:
Twitterstorm 1 – #Trafigura #guardian #scandal
Der Guardian hatte an der Aufdeckung eines Skandals gearbeitet (man war einer illegalen Giftmüllverklappung an der Elfenbeinküste auf die Spur gekommen). Im Verlauf der Aufdeckungen wurde der Guardian per einstweiliger Verfügung juristisch geknebelt. Chefredakteur Alan Rusbridger kennt jedoch die Kampagnen-Fähigkeiten seiner Leserschaft. Er twitterte einen Link auf den Artikel, in dem der Guardian schrieb, dass er nichts schreiben darf. Binnen eines Tages hatten die Leser heraus, dass es sich nur um den Trafigura-Skandal handeln konnte und der Unternehmensname Trafigura wurde „Trending Topic“ bei Twitter – also eines der meistdiskutierten Themen. Das Thema wurde von Bloggern aufgegriffen, Zeitungen wie Spectator und Telegraph berichteten kurz darauf ebenfalls. Der Druck einer außer Kontrolle geratenen Öffentlichkeit zwang Trafiguras Anwälte schon am Folgetag dazu, die gerichtliche Verfügung zum Teil fallen zu lassen.
Twitterstorm 2 – #janmoir
Jan Moir ist eine Kolumnistin, die in der eher konservativen Daily Mail einen Artikel über den Tod des Boyzone-Sängers Stephen Gately geschrieben hatte. Obwohl am Tag offiziell festgestellt worden war, dass der Sänger eines natürlichen Todes starb, nutzte sie ihren Artikel für homophobe Spekulationen. Kurz darauf wurde der Link zum Artikel auf Twitter herumgereicht. Ein Twitterer mit rund 950 Followern schrieb „Vile piece of „journalism“ by some evil cow called Jan Moir”. Ben Locker, ein Copywrighter mit üppigen 3.800 Followern, stimmte ein “Yes, that’s a disgraceful article“. Die Antwort – und ab hier wird Twitter zum bewusst benutzten Instrument: „Can we get #janmior trending?“.
Am späten Nachmittag im Büro klickte ich auf den Trend #janmoir auf der Twitterseite, surfte hinüber zu dem Artikel über Gately, nickte, weil der Artikel wirklich geschmacklos war, und fuhr nach Hause. Eine Stunde später hörte ich staunend die BBC-Hauptnachrichten: Die Jan-Moir-Story hatte alle anderen News auf die Plätze verwiesen. Beim englischen Presserat, der Press Complaints Commission, waren am Nachmittag über 1000 schriftliche Beschwerden über die Daily Mail eingegangen. Die Zeitung hatte die Headline geändert, der Twittersturm war mit voller Wucht über Jan Moir hinweggefegt, der wichtige Konzern Marks & Spencers und weitere Anzeigenkunden hatten alle Werbung von der anstößigen Webseite zurückgezogen – insgesamt waren am Ende 22.000 Beschwerden eingegangen. In der Kürze der Zeit, hätte man nicht einmal laut „Demo!“ oder „Skandal!“ rufen können - geschweige denn Flyer drucken, Transparente malen und in die Stadt fahren.
3 Die orchestrierte Twitterkampagne – Scott Pack
Scott Pack ist Publizist und brachte kürzlich ein Buch heraus, von dem er gern wollte, dass die Welt davon erfährt. Das Buch ist ein Weihnachts-Ratgeber für Atheisten und enthält Beiträge von 42 Autoren. Es handelt davon, wie man nett Weihnachten feiern kann, obwohl man nicht an Gott glaubt - also kein Bestseller à la Dan Brown. Da nahezu jeder der Autoren auch twittert, kam Pack auf die Idee, die Plattform zu instrumentalisieren. Was, wenn am Erscheinungstag alle Autoren darüber twittern, kurz bevor das Buch erscheint? Als Ergebnis schnellte „The Atheist's Guide” von Platz 20.000 auf Amazon's live Bestseller Liste auf Platz 14. Innerhalb eines einzigen Tages. Pack: „We just sat there watching it move up the chart, hour after hour. And it hadn't even been published."
Ist Twitter also nun ein nettes Instrument, um mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben? Eines der effektivsten Promotion-Tools unserer Zeit? Ein machtvolles neues Instrument für die Demokratie, das es ermöglicht Verstöße umgehend bloßzustellen und Missetäter zu bezwingen? Oder ist die Twittersphere ein legaler Rent-a-Mob, der gegen jeden vorgeht, der dem eigenen - eher links orientierten - Meinungsbild nicht entspricht?
Twitter mag gut sein für die Demokratie, aber demokratisch ist es deshalb noch lange nicht. Natürlich kann sich auf Twitter jedermann äußern, aber nicht jedermanns Äußerungen sind gleich wichtig. Ich mache mir da nichts vor: Meine Twitterbeiträge sind im Twinternet nicht einen Deut so interessant, wie das was Stephen Fry zum Lunch hatte.
Darum übergebe ich das Schlusswort – frei übersetzt – an Stephen Fry:
Aktuell scharren Berater mit den Hufen, Parteien und Marketer überlegen krampfhaft, was sie mit Twitter alles anstellen könnten, “wenn nur die Strategie stimmt”. Die Presse beäugt Twitter mit verständlicher Angst, Faszination und einem Gefühl von Bedrohung: Sie stellen darum nachdrücklich und mit gekränkter Stimme fest, dass Twitter-Leser Fähnchen im Winde seien, die von Meinungsbildnern wie Fry in diese oder jene Richtung gepustet – und benutzt – werden könnten. Nicht selten berichtet die englische Presse Tweets seien Unfug, Twittern wäre Galaber und Twitter wäre also sowas von irrelevantem Quatsch. Die Presse fürchtet Twitter aus mehreren Gründen. Celebrities, deren Taten heute auch seriöse Nachrichtenblätter verkaufen helfen, können die Zeitungen außen vor lassen und direkt mit ihren Fans kommunizieren – was zumindest für den Boulevard zutiefst erniedrigend ist und ihm das Wasser abgräbt.
Vielleicht sieht der Print aber auch mit Abscheu, was vorgeht, weil er die Hoheit über die öffentliche Meinung lieber selbst verwaltet. Dabei könnte Twitter heute in der öffentlichen Arena das sein, was die Presse selbst vor 250 Jahren war: Eine neue und kraftvolle Macht in der Demokratie und ein Stachel im Fleisch der etablierten Anordnung der Dinge.
Hier das elegant verfasste Essay von Fry zum Thema.
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